Kunstmeile zwischen Rathaus und Jovyplatz


Rathausturm

Durchaus nicht im Verborgenen und dennoch offensichtlich von vielen Bürgern kaum wahrgenommen, gibt es in Gladbeck beachtenswerte Kunstwerke und wertvolle Architektur. „Wohl in keinem anderen Bereich wuchs nach und nach etwas so Unverwechselbares wie in der Kunstmeile zwischen Rathaus und Jovyplatz", urteilt der Vorsitzende des Vereins für Orts- und Heimatkunde, Heinz Enxing. Recht hat er. Obwohl die Finanzlage der Stadt nie rosig war, hinterließen hier Bürger aller Dezennien der jungen Stadtgeschichte Beweise ihres Engagements für Architektur und Kultur.

Beginnen wir einen Gang durch die Kunstmeile am Rathaus.

Es wurde am 6. Dezember 1910 eingeweiht. Seine Baugeschichte beginnt 1906, als unter Amtmann Heinrich Korte ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde, den der Kölner Otto Müller-Jena gewann. Dieser hatte zuvor schon das Recklinghäuser Rathaus und das erste Gebäude des St. Barbara-Hospitals gebaut. Nun gestaltete er für Gladbecks Gemeindeverwaltung den Monumentalbau des Amtshauses, ab 1919 Rathaus. Mit konsequenter architektonischer Gliederung, gotischen Einflüssen und Renaissance- stilelementen.
Am 45 m hohen Turm befindet sich das Relief eines Türmers (modelliert vom Kölner Bildhauer Georg Raesgger) als Symbol des Wächters und Wegweisers in unsicheren Zeiten des einstigen Dorfes. Die Ornamente im Portal gestaltete der Kölner Bildhauer Carl von Mering.


Fenster im Sitzungssaal

Die Bleiverglasung im Sitzungssaal (die ursprüngliche, nach einem Entwurf von Johannes van Acken erstellt, wurde von Bomben zerstört) schuf 1954 der Essener Glasmaler Wilhelm de Graaff. In einem Spiel mit dem Licht ist es ihm gelungen, Stadtentwicklung kunstvoll zu deuten, z. B. durch stilistisch dargestellte Bauwerke und Einrichtungen, die im Stadtbild dominieren oder durch Motive von den vier Berufsständen, die den wirtschaftlichen Aufstieg beeinflussten (Bauer, Handwerker, Bergmann und Kaufmann) und Symbolen, die alle Zeitläufe vom Dorf bis zur Industriestadt überdauerten.


Riesener Brunnen

Einige Schritte weiter und der Spaziergänger steht vor dem Riesener-Brunnen.
Zwei Anlässe gab es am 2. Juli 1976 für den Verkehrsverein, der Stadt diesen Brunnen zu schenken. Der aktuelle: die Stadt feierte die wiedererlangte kommunale Selbständigkeit nach einem Jahr Eingemeindung nach Groß-Bottrop.
Der historische Anlass reicht bis 1734 zurück, dem Jahr, an dem am 11. Juli Johann Heinrich Riesener, der weltberühmte Möbelkünstler am Hofe Ludwig XVI., in der Gladbecker Lambertikirche getauft worden war. Bis 1934, dem Jahr, in dem sich der 200. Geburtstags des berühmten Ebenisten jährte, ging die Welt davon aus, dass Mönchengladbach Johann Heinrich Rieseners Geburtsstadt sei. Dann folgte Dr. Ludwig Bette dem Hinweis eines Kölner Kunsthistorikers und gab der Stadt Gladbeck mit den entsprechenden historischen Nachweisen ihren größten Sohn wieder zurück.

Leo Neumann, ein Bildhauer aus Oelde, gestaltete den Riesener-Brunnen. Sechs bodenständig fußende und hochstrebende Bronze-Säulen werden vom Brunnenwasser umsprüht. Bei der Einweihung interpretierte Gladbecks damaliger Oberstadtdirektor Otto Rump sie als Symbol einer Aufforderung zu Mut und Festigkeit, zur Reinheit und zum Nimmerruhen.


Skulptur eines Musikanten

Der Weg führt nun in den Rathauspark, wo nach wenigen Schritten die Skulptur eines Musikanten steht.

Der italienische Bildhauer Antonio Filippin schuf sie, und der Verkehrsverein schenkte sie der Stadt im Juni 1979 zum Westfälischen Musikschultag, an dem über 500 Jungen und Mädchen aus dem Regierungsbezirk Münster in Gladbeck musizierten und Harald Genzmer, den die Fachwelt den „großen Spielmann unter den deutschen Komponisten der Gegenwart" nennt, der Musikschule seine „Sinfonia per Giovani", auch „GladbeckMusik" genannt, widmete.

Filippin, ein Schüler von Tisa von der Schulenburg, fügte Beton um Stahlmatten, und meißelte aus dem spröden Material seine Skulptur heraus, einen Violinschlüssel, der den Körper eines Musikanten symbolisiert, dem freilich der Kopf fehlt, weil er in völliger Hingabe an die Musik sich ganz vergisst und selbst zur Musik wird.

Die Skulptur wurde 2009 umgesetzt und steht jetzt vor der Musikschule.



Malocher - Stein

Am Weg zum Hallenbad steht als Kontrast Anatols Malocher-Stein. Die Landeskulturwoche im Sommer 1985 in Gladbeck hat ihn in die Stadt gebracht, ein Dolomit-Bruchstück aus den Anröchter Steinbrüchen (auch der Paderborner Dom ist aus diesem Material gebaut). Eine vier Meter hohe grüne Säule mit vier 1 ½ Meter breiten Seiten. Anatol Herzfeld, ein Düsseldorfer Bildhauer und Schüler von Joseph Beuys, ritzte vor den Augen Gladbecker Bergleute auf dem Rathausvorplatz Flachreliefs ins Gestein. „Das wird kein Stängelchen und kein hehrer Mucki, das wird eine echte Klamotte, ein Malocherturm", schwärmte der Künstler. Doch er fand für seine formalästhetische Konzeption bei den Bergleuten, zu deren Ehren der Stein gestaltet wurde, wenig Anklang. Die Bergleute und ihre Frauen wandten sich enttäuscht ab. Von ihrer gefahrvollen Arbeit unter Tage, vom harten Leben der Bergmannsfrauen würden die Figuren und Formen weder allegorisch noch ästhetisch und erst recht nicht realistisch erzählen, urteilten sie. Und Anatol musste auf Wunsch des Rates sein zu flaches Relief vertiefen.

Dass er auf die Kritik der Bergleute ironisch erwiderte, er werde der Bergmannsfrau einen Rock mit Sternchen aus Blattgold überziehen, machte die Bürger noch betroffener.


Schmiedeeisen

Ein Kunstkabinett aus Schmiedeeisen steht unweit der städtischen Galerie im Rathauspark.

Der israelische Maler und Bildhauer Ernst Buchbinder schuf es 1983 mit der Absicht, „Schönheiten der Natur einzufangen", aber auch sich als Künstler „gegen Mißstände in unserer Gesellschaft" auszusprechen. So findet der Betrachter eine Braut, die sich wie eine Königin zu ihrer Hochzeit schmückt, mit einer Schleife im wippenden Zopf und einem Geschmeide am Hals.

Er findet den Harfenspieler, der zum Tanz aufspielt. Am anderen Platz stellt Buchbinder die Geburt des Atoms dar. Mit gewundenen, aneinander geschmiedeten Eisenkreisen, die das Weltall symbolisieren. Galaxien drehen sich umeinander und aus dem Gewirr der Bahnen kommt ein winziges Atom herausgeschossen. Dann steht da noch der Schrei, eine Figur, deren Gesicht statt eines Mundes sinnbildlich ein Loch zeigt. Ein Redender in der Wüste. Und diese Wüste - so der Künstler - ist überall dort zu finden, wo Menschen es verlernten, miteinander zu reden und einander zuzuhören. Der Große Bruder ist für Ernst Buchbinder „ein Roboter, ein gefühlloser Bursche, der vollgestopft mit Elektronik daherstakst und über der Menschheit Gedeih oder Verderb entscheidet". An einen Staken klebte der Künstler ein kleines Etwas. Buchbinder: „Ein Wesen wie du und ich".

Der 2010-Füßler ohne Füße


2010-Füßler ohne Füße

Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 entstand der 2010-Füßler, eine Idee von Karoline Dumpe. An die Ösen der vielen Elemente hängten Gladbecker - Schulen, Gruppen Künstler, Vereine, Einzelpersonen – fantasievoll gestaltete Füße.
Die Eröffnung im September 2010 fand viel Anklang. Leider sind durch Witterungseinflüsse fast alle Füße verloren gegangen. Im Zuge der Umgestaltung des Rathausparks wurde der 2010-Füßler verkleinert und erhielt südlich des Hallenbades einen neuen Platz


Keramik am Bau

Kunstvolle Keramik am Bau schenkte 1978 der Kreis Recklinghausen, als er der Gladbecker Zweigstelle des Kreisgesundheitsamtes in der Kunstmeile ein attraktives Haus baute. Die dekorative, farbenfrohe Keramikwand ist eine Arbeit der Kunstkeramikerin Lies Ebinger aus Bad Ems. Die Aussagekraft ihrer Werke wird durch harmonische Gestaltung, durch Reliefbewegung und Farben erreicht.
Ihre Motive beziehen sich auf die architektonische Situation und die ursprüngliche Zweckbestimmung des Gebäudes. Vegetative Formen, die das aufstrebende und wachsende Leben versinnbildlichen. Blüten, Sträucher und ein Baum als Symbole beharrenden Lebens und Wachsens. Sie sind gestaltet aus rotbrennenden Westerwälder Tonscherben. Jede Platte des Wandbildes ist von Hand geformt und keine gleicht der anderen.
Farbige Glasuren aus organischen Stoffen (Salze und Asche), schwelgen in intensivem Grün, strahlendem Orange und warmem Sonnengelb, kontrastreich zum erdigen Braun des AusgangsMaterials. Arbeiten der Ebinger sind im Hohen Dom zu Limburg, an der Fassade des Maximilianeums in München, am Bahnhof Zoo in Berlin und am berühmten Hundertwasser-Haus in Wien zu finden sowie in der Dortmunder Westfalenhalle und in Köln.

Die Keramikwand ging beim Abriss des Gebäudes 2011 verloren.


Die Stele vor dem Stadtbad wurde von dem Bildhauer Gido Jendritzko 1966 geschaffen. Wie in antiken Hochkulturen stehen drei Säulen, jede fünf Meter hoch, als Zeichen des Fortbestehens und Lebens vor dem Stadtbad. Weil die Stadt Bronze oder Naturstein damals nicht hätte finanzieren können, gestaltete der Künstler seine Stelen in Beton und verfolgte das Ziel, eine schmückende Plastik, die in Harmonie zum Flachbau des Stadtbades steht, zu setzen.


Steinzeitsteine

Steinzeitsteine sind unweit des Stadtbades zu finden. Die Bildhauer und Grafiker Claus Harnischmacher (Bonn), Alfons Kunen (Recklinghausen) und Alois Maruscheck (Brühl) gestalteten sie 1982 unter Mitwirkung Gladbecker Bürger in einem Workshop mit dem Thema „Steinzeit ins Gedächtnis der Erde". Vier Skulpturen aus Tuffstein (ca 150 zu 60 mal 60), die vier Entwicklungsphasen symbolisierend, entstanden dabei.

Sie tragen gemalte, geritzte und gravierte Zeichen, Ornamente und reliefartige Symbole, Zeichen und Formen, wie sie aus vorzeitlicher Kunst bekannt sind. Sie erinnern an Hünengräber und ihre Bearbeitung an Felszeichnungen. Sie wollen Energie, Geist, Intelligenz, Kraft, Lebenswille und Stolz allegorisch andeuten und sollen beweisen, dass der Fortschritt menschlicher Kultur eine Art Emporentwicklung und die vorzeitliche Kunst ein ebenso gewichtiger und ästhetischer Ausdruck geistiger Tätigkeit sei, wie die Werke der Gegenwart.

Eine Stahlplastik steht vor dem VHS-Haus, auch Jovy-Villa nach dem ersten Gladbecker Oberbürgermeister genannt, für den dieses Gebäude als Residenz errichtet wurde. Der Gladbecker Maler und Bildhauer Wilhelm Zimolong schuf sie und der Verkehrsverein schenkte sie 1982 der Stadt. Der Volksmund nennt diese Skulptur scherzhaft „Schirmständer" und sagt damit unbeabsichtigt auch etwas über die Beharrlichkeit aus, mit der dem Material Stahl Funktionalität im täglichen Leben zugeordnet wird.

Wilhelm Zimolong indes schuf dieses zwei Meter hohe Werk mit einem Durchmesser von einem Meter in einer Schaffensperiode, während der er nach Schiffsschrottteilen suchte und sie zur neuen künstlerischen Aussage zusammenfügte. Er wollte damit den überkommenen ästhetischen Normen widersprechen. Im von Streben umschlossenen Raume schraubt sich eine Kugel wie in einem Käfig empor. Sie beherrscht diesen Raum durch den Eindruck von Dynamik und Bewegung.


Die Kraft des Wachstums

Jugendzentrum, Stadtbücherei und Matthias-Jakobs-Stadthalle entstanden in den Jahren 1979, 1983 und 1987 auf den Grundstücken des ehemaligen Pastorats von St. Lamberti. Alte Gladbecker sprechen vom „kleinen Vatikan" oder „Pastors Busch". Die Stadt erwarb die Grundstücke, um darauf das Kulturzentrum zu errichten, für das bereits 1954 das erste Geld angespart worden war. Alle drei Projekte wurden nach Plänen des Architekten-Ehepaares Parade aus Düsseldorf errichtet. Für die Stadtbücherei erhielten die Parades eine bedeutende ArchitekturAuszeichnung.

„Die Kraft des Wachstums" vor dem Theater-Eingang schuf der Bildhauer und Lichtplastiker Prof. Heinz Mack aus Mönchengladbach. Sie ist aus rosafarbenem portugiesischem Estremoz-Marmor und 2,70 m hoch. Mackes Idee für die florale Stele als Sinnbild für Kraft und Wachstum stammt aus dem Jahr 1954. Ein Element entstehe aus dem anderen. Immer kraftvoller, voluminöser werden die Blattformen, streben mit Macht nach oben und dehnen sich in die Weite. So deutet der Künstler sein Werk. Gleichzeitig solle - so Mack - das florale Motiv eine Verbindung herstellen zwischen dem neuen Gebäude und dem, was vom ehemaligen Pastors Busch an Park und Baumbestand erhalten blieb. Prof. Mack gestaltete auch den Bühnenvorhang in der Matthias-Jakobs-Stadthalle.


Kappensäule

Die Stadtgeschichtssäule (Kappensäule) bei der städtischen Galerie ist ein einzigartiges, aufgeschlagenes Geschichtsbuch. Es ist zudem eines der bedeutsamsten Werke des Gladbecker Bildhauers Gottfried Kappen und ebenso wohl auch eines der bedeutendsten Kunstwerke der Stadt. 1969, zum Jubiläum 50 Jahre Stadt, schenkte der Verkehrsverein diese Bildsäule aus Polyester den Bürgern. Von den Wildpferden an der Gladebeke aus der frühen Historie, über bronzezeitliche Urnenfunde in Ellinghorst, von frühesten Besiedlungen, von mächtigen Fachwerkhäusern der sächsischen und carolingischen Zeit erzählt die Säule. Auch über die Christianisierung und die alte ZwiebelturmDorfkirche, über Haus Wittringen im 13. Jahrhundert und über Johann Heinrich Riesener im Lorbeerkranz des Weltruhms, über Fördertürme und Schlote aus der Bergbauzeit und von der Trümmerstadt am Ende des 2. Weltkriegs. Mit Hochhauszeilen in der Höhe der Säule hinterfragt der Künstler kritisch die Zukunft seiner Heimatstadt.

Ein paar Schritte sind es nun nur noch bis zum Bau-Ensemble Jovyplatz. Dieser Platz ist benannt nach Dr. Michael Jovy, dem ersten Oberbürgermeister Gladbecks. In Jovys Amtzeit (1918 bis 1931) wurden bedeutende Anlagen und Bauten geschaffen.

Auch zwei der drei BehördenBauten am Jovyplatz sowie die architektonisch heute noch sehr geschätzten Wohnhäuser, die den Platz säumen, machen seinen Reiz aus. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz. Dazu gehören auch das Amtsgericht (Bauzeit von 1913 bis 1917), das Finanzamt (entstanden 1919 und 1923) und das Polizeiamt (errichtet von 1922 bis 1925).

Erna-Johanna Fiebig