Personen


Gottfried Kappen

Der Bildhauer Gottfried Kappen –
seine Kunst und die Werke seiner Vorfahren.

von Erna-Johanna Fiebig

Als ich Anfang Januar 1981 die Künstlerwerkstatt bei der alten Mühle von Haus Brabeck besuche, wollen sich meine Augen nicht lösen von einem gewaltigen Kreuz mit Christuskorpus aus Polyester. Das jüngste Werk des Künstlers. Es ist für die Judas-Thaddäus-Kirche in Oberhausen-Osterfeld in Auftrag gegeben worden, nun vollendet und soll abgeholt werden. Ich betrachte das Werk mit Staunen und äußere große Betroffenheit. Doch Gottfried Kappen hört gar nicht hin. Seine Aufmerksamkeit fesselt ein Fasan draußen auf dem Feld. Er hebt die Hand und zeigt auf das stolzierende Tier. "Gibt es Erhabeneres als die Natur?", fragt er rhetorisch und schaut mich an. "Das ist unsere Haushenne. Die kommt jeden Morgen um acht Uhr und klopft an meine Beine, weil sie weiß, dass es dann Frühstück gibt. Sie ist sechs Jahre alt. So alt wie Möppel. Die beiden vertragen sich gut." Möppel, der Dackel, wirkt aufgeregt. "Der hört die Jäger, die heute diese ländliche Idylle stören", sagt der Künstler. Seit 1948 hat er sich in die schöpferische Stille des alten Hauses Brabeck in Kirchhellen zurückgezogen, lebt der Natur, die sich hier von ungestörter Harmonie zeigt. Lebt seiner Kunst und seiner Meditation: "Der Mensch ist ein Einzelwesen vor Gott, aber gemeinschaftsgebunden und nicht austauschbar." In zwei Wochen wird er 75 Jahre alt. Und obwohl er soeben erst eine schwere Krankheit überstanden hat, strahlt er einen beeindruckenden Schaffensdrang aus. "Lieber möchte ich sterben, als aufhören zu arbeiten und zu lernen", sagt er, "aber wer hat schon das Glück, soviel Freude an der Arbeit zu haben wie ich."


Viele Male besuchte ich sein Atelier, ließ mich faszinieren von der geordneten Unordnung, in der ich Materialien, vollendete Kunstwerke und Skulpturen, an denen Kappen gerade arbeitete, entdeckte. Ließ mich in Gedanken forttragen von der Weisheit, die der Meister nur so versprühte. Anfang Januar 1981 sah ich ihn zum letzten Mal. Neun Monate später, am 2. November 1981, starb Gottfried Kappen. Selbst acht Tage vor seinem Tod arbeitete er in seinem Atelier, erinnert seine Familie. In den wenigen Stunden, die er im Kirchhellener Krankenhaus verbringen musste, wünschte und bat er inständig, in seine Werkstatt zurück gebracht zu werden.

Interviews mit Gottfried Kappen waren nicht leicht zu erlangen. Es schien mir, als legte der Bildhauer keinen Wert auf Publizität. Er möge es nicht, dass aufwändig über seine Person berichtet würde, sagte er mir einmal. Dabei hatte er doch jung und alt so viel zu sagen. So viel, dass man regelrecht hungrig war auf ein Gespräch mit ihm. Kappen aber gefiel es eher, wenn nicht seine philosophischen Worte, sondern seine Kunstwerke, Zeichnungen, Reliefs und Skulpturen in den Vordergrund traten. Mit ihnen sollten sich die Menschen auseinander setzen. Die sollten sie zum Nachdenken motivieren, sollten erfreuen, provozieren oder erschüttern. Gottfried Kappen war ein Philosoph, in seinem Denken wie in seiner Kunst. Tiefes ethisches Empfinden, Meditation über unseren Ursprung, den Sinn unseres Daseins und über Gott beeinflusste sein künstlerisches Schaffen. Schon ein kurzes Gespräch mit ihm brachte großen Gewinn, und wer dazu noch das Glück hatte, seine Werke in der Enge der Werkstatt vom Meister persönlich interpretiert zu erhalten, dem tat sich eine wunderbare Welt der Schicksalhaftigkeit und Weisheit auf. Gottfried Kappen war ein Kind des Vestes, geboren in Recklinghausen.

 


Das Schicksal trieb ihn durch die Welt, doch die reifen Lebensjahre, die von intensivstem Schaffen geprägt waren, verlebte der Künstler in seiner Heimat, dem Vest Recklinghausen. In den verfallenden Mauem der historischen Mühle des Hauses Brabeck in Kirchhellen schuf er sich und seiner Familie ein neues bescheidenes Zuhause, nachdem der Krieg und seine Folgen ihm sein Haus am Stadtrand von Berlin verdorben hatten. 1948, als das Baumaterial so knapp war wie das tägliche Brot, und ein Kübel Zement nachts bewacht werden musste, weil ihn sonst ein anderer Obdachloser fortnahm, halfen ihm die Kunstliebhaberin Maria Ullrich, deren Ehemann Franz Ullrich vor dem Naziregime. Das Bankhaus UIIrich besaß (es stand einst etwa dort, wo sich heute die Stadtsparkasse befindet), und Gladbecks damaliger Oberstadtdirektor Hans Boden verschlossene Türen bei der Bergwerksgesellschaft Hibernia zu öffnen. Die war damals die Eigentümerin von Haus Brabeck. Der Kappen-Familie wurde die alte Brabecker Mühle überlassen, treffender formuliert, das, was von ihr noch nicht gänzlich verkommen war: rohe Mauem mit einem total marodem Dach.

Sohn Anno erinnert sich heute lebhaft an diese Zeit: Es habe ihm trotz aller körperlichen Schwerstarbeit Spaß gemacht, den Speis fürs Mauem und Verputzen herzustellen. Der Gymnasiast hatte Kalk zu zerhacken, die gesumpften Stücke zu mischen, bis ihm die Hände bluteten. Und seine Nachtwachen beim damals so kostbaren Baumaterial fand er abenteuerlich, obwohl es ihn immer wieder enttäuscht hatte, dass niemals ein Dieb auftauchte, den er hätte fortjagen dürfen. Mitzuhelfen, eine historische Mühle zu restaurieren, hätte ihn viel mehr interessiert, als in zugigen Klassenzimmern der Aloysiusschule Latein zu büffeln. Bomben hatten das Gebäude des Jungengymnasiums stark beschädigt, und die Stadt war total verarmt, verfügte nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 weder über das Geld noch über das Baumaterial, um Schulen zu reparieren. Ohnehin hatte Vater Gottfried Kappen damals gelegentlich gelästert, die Schule verderbe seine Kinder nur; er fürchtete, die ihnen von den Ahnen vererbte schöpferische Begabung könnte verloren gehen. Indes hatte Gottfried Kappen seinen Zeichenlehrer Sahlenbeck im Gymnasium oft mit Hochachtung erwähnt, erinnert sich Dr. Egon Börsch, ein langjähriger guter Freund des Künstlers. Immerhin hatte Kappen auch vom erzieherischen Wert des Schulunterrichts im Schönschreiben gesprochen. Für viele Menschen sei dies die erste und oft einzige Begegnung und Betätigung mit selbst erstelltem Schönen.

 



Zurückgeblendet nach Brabeck: Als der Keller, in dem in einer Bodenvertiefung sich einst das Mühlrad gedreht hatte, endlich vom vielen alten Unrat leer geräumt, schadhafte Böden und Wände in der Ruine neu gemauert und verputzt, das Dach wetterfest gemacht worden war, hatte Gottfried Kappen mit Ehefrau Gitti und drei Kindern einziehen können. Mit Beatrice, 1929 geboren, die später den Beruf der Hebamme wählte, mit Anno, 1930 geboren, der Kunstschreiner wurde, und Stephan der sich zum Tischler ausbilden ließ. Zwei Jahre später, 1950, hatte Auguste Kappen, die von ihrem Ehemann zärtlich Gitti genannt wurde, mit 48 Jahren das Nesthäkchen der Familie zur Welt gebracht. Sohn Clemens, vom Vater besonders geliebt, studierte in Dortmund Kunstfotografie und lehrt heute Dokumentierende Fotographie in Hildesheim.
Alle mussten sie damals in der alten Brabecker Mühle das Wasser draußen an der Pumpe schöpfen. Den Komfort einer Wasserleitung gab es im historischen Gemäuer nicht. Gitti Kappen hatte jeden Morgen in drei Öfen das Feuer zu entfachen, damit es warm wurde und das Essen gekocht werden konnte. Gottfried Kappen hatte seine Auguste 1929 in Köln geheiratet. Ihr Vater, der Bochumer Mathematiker Wilhelm Nattkemper, Mitbegründer der Bergberufsschulen und Autor eines Mathematik-Lehrbuches, hatte die Ehe seiner Tochter mit einem Künstler nicht akzeptiert. "Er hat mir niemals die Hand gegeben", hatte Gottfried Kappen seinen Kindern erzählt, und Sohn Anno erinnert sich: "Ich war ein einziges Mal bei meinen Großeltern mütterlicherseits in Bochum." Abgelehnt wurde der KünstlerSchwiegersohn, dem man damals schon ein hohes Talent nachsagte, obwohl er 1929 für seine junge Familie ein Haus am Waldrand in Falkensee-Finkenkrug nordwestlich von Berlin gebaut hatte; obwohl Gottfried Kappens frühe Werke in Berlin Beachtung und Anerkennung gefunden hatten. Als frei schaffender Bildhauer arbeitete er für die Reichspost, gestaltete Plastiken für Postgebäude und ließ sich mit jedem weiteren Auftrag neu inspirieren, mit anderen Ausgangsmaterialien künstlerisch zu arbeiten. Kappen gestaltete Skulpturen und Reliefs aus Holz, Stein, Marmor, Mosaik, Aluminium, Wachs, Gips und Keramik. Seine Themen waren klassische Figuren und Formen aus der griechischen Sage. Nur bei Portraits arbeitete er nach Vorlagen, ließ sich ansonsten von eigenen Erlebnissen und Intuitionen inspirieren. Die Galerie Rosen am Kurfürstendamm stellte seine Werke aus und übernahm auch den Verkauf.


Anno Kappen erinnert sich gern an die Jahre im dörflichen Falkensee-Finkenkrug, das abgeschieden am Waldrand lag. Doch mit der Vorortbahn war eine gute Verkehrsanbindung zur Hauptstadt gegeben. "Wir erlebten dort eine glückliche Kindheit." 1932 zogen Gottfried Kappens Eltern, Hermann Kappen und Ehefrau Maria aus Gladbeck zu ihnen nach Finkenkrug. Hermann Kappen, 1875 in Münster geboren, hatte die 1874 in Bocholt geborene Maria Stracke geheiratet und war in Gladbeck zum Beigeordneten und Bürgermeister gewählt worden. Seine Frohnatur, seine soziale Empfindsamkeit und seine Korrektheit hatten ihm viel Sympathie der Menschen in der jungen Bergbaustadt eingetragen. Hermann Kappen war dennoch 1932 vorzeitig in den Ruhestand getreten. Man könnte rätseln, ob er ging, weil ihm die Linie des 1932 ins Gladbecker Rathaus einziehenden Oberbürgermeisters Dr. Hackenberg nicht gefallen habe.


"Ich war Hermann Kappens Lieblingsenkelkind", schwärmt Anno Kappen von diesem Großvater. Unbeschwert von politischen Ereignissen habe er die Vorkriegszeit in Finkenkrug in Erinnerung. Das Berlin der Vorkriegsjahre sei ein Brennpunkt des kulturellen und künstlerischen Lebens gewesen. Der Vater sei dort dem Religionsphilosophen Romano Guardini, der Professor für christliche Weltanschauung in Breslau mit Lehrtätigkeit in Berlin gewesen sei, wieder begegnet. Zu Else Lasker-Schüler, Herwarth WaIden, dem bekannten Galeristen Julius Meier-Graefe und dem Dirigenten Eugen Jochum hätte es Kontakte gegeben. Die vielen Konzerte, die literarischen Veranstaltungen und Ereignisse, Film und Geisteswissenschaft, das kulturelle Leben überhaupt und die historische Architektur der Hauptstadt wären ihm so stark in Erinnerung, dass es ihn immer wieder hingelockt hätte und auch heute noch nach Berlin zöge, sagt Anno Kappen.Gottfried Kappen weckte in seinen Kindern die Liebe zur Natur, vermittelte ihnen ein starkes Gefühl für unterschiedliche Materialien, lehrte sie, wie man handwerklich und künstlerisch damit arbeiten kann. "Er weckte in uns den Sinn für Schönheit, lehrte Inkonsequenz zu akzeptieren, Bilder richtig zu schauen, Museumsbesuche und klassische Musik zu schätzen. Er hat uns auch gelehrt, Bücher zu lesen, nicht aber Kontoauszüge. Anders gesagt, er lehrte uns glücklich zu sein, nicht aber, wie man sich gegen die Härten im Leben behaupten könnte. Seine spartanisch bescheidene Lebensart war uns Vorbild. Verschwenderisch wurde er nur beim Einkauf von Material für die künstlerische Arbeit", erzählt Anno Kappen. Auf den Hinweis, alte Biographien erzählten davon, dass viele bedeutende Künstler ihren Familienangehörigen das Leben nicht einfach gemacht hätten, sagt Anno Kappen: "Wir Kinder durften früh machen, was wir gern taten. Doch manche heftige politische Diskussion hätte er später mit dem Vater geführt, nach dem Krieg, als er, Anno, zu den 68-ern tendiert habe. Niemals aber habe es größere Differenzen im privaten Bereich gegeben. "Ein einziges Mal hat er mich verkloppt, weil ich Geld genommen hatte. Und dann erklärte er mir: nicht weil du es genommen hast, sondern weil du es nicht gesagt hast." Annos Ehefrau Agnes sagt: "Die zarte und sensible Gitti, deren aparte Schönheit Gottfried Kappen in seinem künstlerischen Schaffen vielfach inspirierte, hatte es nicht leicht mit ihrem Ehemann. Er hat ihr - eigentlich hat er uns allen einiges zugemutet."

Unter den Vorfahren von Maria Stracke, der Mutter Gottfried Kappens, gibt es viele Künstler. Das belegt die Bocholter Heimatforscherin Ursula Rüter nach dem Studium alter Chroniken. In "Unser Bocholt" (54. Jahrgang), einer Zeitschrift für Kultur und Heimatpflege, schreibt sie über die Bildhauerfamilie Stracke und die Kunstschätze, die diese hinterließen:
"Ein Zweig der bis in die Niederlande verbreiteten westfälischen Bildhauerfamilie Stracke wohnte und wirkte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bocholt. Gottfried Stracke und sein Sohn Theodor schufen zahlreiche Werke in Bocholt und der Umgebung, in Rhede, Vardingholt, Loikum, aber auch in Münster, Ahaus, Lorchhausen am Rhein und in den Niederlanden." Gottfried Strackes Vater, Ignatius Stracke, wurde 1790 in Dorsten getauft. Seinem berühmten Bildhauer-Lehrmeister Christian Daniel Rauch (1777 - 1857) folgend, bevorzugte er die Berliner Bildhauerschule. Ignatius Stracke beeinflusste den Kunststil seiner Zeit als Direktor der Kunstschule Herzogenbusch. Mit seiner Ehefrau Ursula, geborene Reuter, aus Dorsten hatte er die Söhne Godefridus (Gottfried), geb. am 3.9.1813, Johannes Theodor, geb. am 9.7.1817. und Franz, geb. 5.5.1820. Johannes Theodor und Franz hinterließen Kunstwerke in den Niederlanden. Gottfried Stracke, der Urgroßvater Gottfried Kappens, unternahm Bildungsreisen nach Italien und München. Er war Schüler des bedeutenden Künstlers Ludwig Schwanthaler (1801 - 1848). Mit ihm gestaltete er den südlichen Giebel mit dem Triumph der Germania an der Walhalla ("Tempel deutscher Ehren") in Donaustauf bei Regensburg. Dort lernte Gottfried Stracke auch seine Ehefrau Barbara kennen. Sie heirateten am 21. Januar 1840 in Rees. Zwischen 1845 und 1849 zog die Familie nach Bocholt. Angeblich habe ihn ein Liebhaber sakraler Kunst geholt, so Ursula Rüter in ihren Recherchen.
Sie schreibt: "Folgt man gewissen mündlichen Überlieferungen, soll Gottfried zahlreiche Statuen für Kjrchen in Münster und die fünf Figuren über den Arkaden des Rathauses geschaffen haben." Gottfried Stracke starb mit 37 Jahren. Wie man erzähle, an einer Rauchvergiftung. Er habe nachbarschaftliche Hilfe bei einer Brandkatastrophe in Bocholt geleistet.


Von seinem Urgroßvater habe Gottfried Kappen seinen Vornamen, beim Großvater Theodor Stracke als Schuljunge die ersten handwerklichen Grundkenntnisse für die Bildhauerkunst erhalten. Des Großvaters Spatel, mit dem er als 13jähriger gestalterisch hantiert hatte, habe er zeitlebens benutzt, erzählte Gottfried Kappen seinem Sohn. Eine von Urgroßvater Gottfried Stracke geschnitzte Johannes-Figur aus Eiche steht auf dem Hausaltärchen von Agnes und Anno Kappen, die seit 1988 und auch heute noch in der Brabecker Mühle zu Hause sind. Die Skulptur gelangte mit dem Umzug des Theodor Stracke von Bocholt zu seiner Tochter Maria Kappen geb. Stracke (Ehefrau von Hermann Kappen) nach Gladbeck. Die Holzstatuette habe sein Vater Gottfried Kappen sehr geliebt. Sie hätte ständig in seiner Nähe gestanden, erinnert Sohn Anno. Der Vater habe ihm mal gestanden, das hätte ihn als Kind dennoch nicht davon abgehalten, das Kunstwerk gelegentlich als Hammer einzusetzen.
Als seine Eltern nach Gladbeck zogen, war der am 25. Januar 1906 geborene Gottfried Kappen drei Jahre alt. Er besuchte die Aloysiusschule und das Jungengymnasium, bewies schon als Kind und Jugendlicher zeichnerische Begabung. Ein Skizzenbuch, das der 14jährige Schüler 1920 anlegte, beweist es. Seine gymnasiale Zeit war beeinflusst von unruhiger Suche nach Lehrmeistern und Vorbildern. Er suchte sie in bedeutenden Museen und unter den Künstlern. Auf Burg Rothenfels am Main begegnete ihm und beeindruckte ihn früh der Religionsphilosoph Romano Guardini. Auf Reisen durch Deutschland skizzierte und zeichnete Gottfried Kappen Architektur, Landschaft, Natur. Einige Wochen im Winter 1922/23 hörte er an der Kunstgewerbeschule Essen in der Bildhauerklasse Prof. Enseling und in der Zeichenklasse Prof. Urbach. Es hielt ihn nicht fest. 1926, gerade 20 Jahre alt, ging Kappen nach Berlin.
Von den schönsten Jahren der Familie spricht Anno Kappen, wenn er an die Zeit bis 1940 erinnert. Dann sei der Vater eingezogen worden, und die Auswirkungen des Krieges seien auch in Finkenkrug spürbar geworden. Gottfried Kappen landete bei der Division "Großdeutschland" und schließlich in der Ukraine. Er wurde Sanitäter, sah Soldaten sterben und erlebte das unendliche menschliche Leid, das der Krieg hervorrief. Er sah die Not von Siegern und Besiegten, ließ sich beeindrucken von der Weite der Landschaft und den russischen Menschen. Diese Zeit und die ersten Nachkriegsjahre werden gelegentlich als Kappens "russische Phase" bezeichnet. Er malte slawische Gesichter, leidende Frauen und Kinder, einsame, verzweifelte Menschen. Die Inhalte seines künstlerischen Schaffens hatten sich verändert. Ein ausdrucksstarker reifer Künstler gab nun mit gestalterischer Kraft in Zeichnungen, Aquarellen, Holzschnitten und Skulpturen Zeugnis vom Geschehen.


Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kehrte Gottfried Kappen nach Berlin zurück. Wieder wurden seine Werke ausgestellt. Er wurde gebeten, eine Muttergottes für die St.-Mathias Kirche zu schaffen und zögerte, den religiösen Auftrag anzunehmen. Doch mit seinem künstlerischen Schaffen gelang es ihm, seine durch Kriegserlebnisse verursachte Glaubenskrise zu überwinden. Religiöse und ethische Skulpturen mit überwältigender Aussage bestimmten fortan seine Arbeit. Seine Werke aus dieser Epoche erinnern an Vorbilder wie Käthe Kollwitz und Ernst Barlach.

Wenn Sohn Anno heute auf die Zeit in Berlin der ersten Nachkriegsjahre zurückblickt, so fallen ihm die von Bomben zerstörten Häuser, die wie gigantische Skelette gen Himmel ragten, zu allererst ein. Sie hätten ihn gleichermaßen fasziniert wie bedrückt. Der Vater indes habe sich eingeengt gefühlt in der Stadt der Viermächte und Zonengrenzen. Er suchte nach Freiheit, ließ darum sein schönes Haus in Falkensee-Finkenkrug zurück, nutzte einen Interzonenpass, zog in den Westen und wagte einen ungewissen Neuanfang. Die alte Mühle von Brabeck sollte das neue Zuhause der Familie Kappen werden.
Schicksalhaft ist: 1979 wird Gottfried Kappen aus Ostberlin mitgeteilt, dass er enteignet worden sei, dass ihm sein Haus in Finkenkrug nicht mehr gehöre. Im selben Jahr kauft Anno Kappen die alte Brabecker Mühle, die zuvor zweimal ihre Eigentümer gewechselt hatte. Von der Bergwerks-gesellschaft Hibernia zur Stadt Gladbeck und weiter zur Familie Schulte-Kellinghaus. Der Sohn verschweigt dem Vater den Kauf der Mühle. "Ich schämte mich, dass er sich als mein Mieter fühlten sollte." Gottfried Kappen aber erfährt es dennoch, als er beim Vorbesitzer die Pacht für seinen Wohnsitz zahlen will.

Sein Vater lebt nicht mehr, als Anno Kappen nach der Wiedervereinigung Deutschlands einen Antrag auf Rückübereignung des Besitzes in Finkenkrug stellt. 1991 wird ihm mitgeteilt, dass der Antrag abgelehnt worden ist. "Ich dachte, jetzt gehört uns nur noch Opas schöner Gemüsegarten", erinnert sich Anno Kappen wehmütig an eine glückliche Kindheit.


 


Unverwechselbare Originalität und Identität erreichte Gottfried Kappen mit einem Werkstoff, für den er richtungweisend und Lehrmeister geworden ist, dem Polyester. Aus des Bildhauers ursprünglich strikter Ablehnung von Kunststoff wurde Faszination für Polyester. "Das ist der einzige Kunststoff, der sich mit der Hand formen lässt; ich kann ihn gießen, modellieren, spachteln", zitiert Museumsleiter Dr. Wolfgang Schneider den Bildhauer. Kappen war der erste, der als Künstler mit Polyester arbeitete. Er löste Anfang der fünfziger Jahre ein Problem, das bis zu diesem Zeitpunkt noch unbewältigt war. Es gelang ihm, Gießlinge aus Polyester herzustellen. Temperaturen zwischen fünf und zehn, niemals über 15 Grad müssen gehalten werden, fand er nach unzähligen mühevollen Experimenten heraus.

Angeregt worden dazu war er durch den Architekten Dr. H. Hentrich, Düsseldorf, den Kappen aus seiner Berliner Zeit gekannt hatte. Der suchte nach Entwürfen und Modellen für Industrieformen. Ein großes Chemiewerk hatte sich künstlerisch gestaltete Türgriffe gewünscht. Die sollten nicht wie üblich aus Metall sein, sondern aus einem werkseigenen Kunststoff. Der Vater hätte lange Gespräche mit Chemikern geführt, bevor er seine Experimente begonnen habe. Seine Hartnäckigkeit, das Ziel zu erreichen, sei faszinierend und seine Versuche aufregend und spannend zugleich gewesen. "Doch es stank dabei entsetzlich. Er zog oft damit aus dem Atelier ins Freie, um den Geruch ertragen zu können", erinnert Anno Kappen.
Gottfried Kappen bewies: Verbindungen aus Karbonsäuren und mehrwertigen Alkoholen, die vernetzbaren, ungesättigten Polyesterharze, sind durch Beeinflussen der Härte auch zur Verarbeitung im künstlerischen Bereich einsetzbar. Je nach Ausgangssubstanzen ergeben sich unterschiedliche Materialeigenschaften. Härte, Zähigkeit, Flexibilität und Farbe lassen sich vielfach variieren durch Füll- und Verstärkungsstoffe, wie zum Beispiel Glasfasern. Kappen gelang es, mit verbissener Ausdauer das richtige Mischungsverhältnis herauszufinden, den Aushärtungsprozess zeitlich genau zu bestimmen. Das Polyester-Material gehorchte seinen formenden Händen. Er gestaltete Skulpturen und Reliefs von außergewöhnlicher Ausstrahlungskraft und erzielte diese Wirkung nicht nur durch Form und Farbe, sondern auch durch eine Oberflächengestaltung, die in solcher Nachhaltigkeit bei Holz oder Stein so faszinierend nicht erreichbar war. Seine Erkenntnisse gab Gottfried Kappen großzügig und selbstlos an Kunststudenten und Künstlerkollegen im In- und Ausland weiter.


Kappens Begabung, in Polyester auf dem Gebiet der angewandten Kunst Funktionalität mit hohem künstlerischen Anspruch zu kombinieren, hob der Düsseldorfer Senator Dipl. Ing. Hubert Petschnigg hervor. Auf vielen Fachmessen hätte Kappens Design höchste Anerkennung gefunden. In Zusammenarbeit mit einem seiner Söhne seien ihm Kunstwerke in traumhaften Farbkompositionen und Formen gelungen.

Die meisterliche Verarbeitung und Bearbeitung von Polyester führen Gottfried Kappen nun zu seinem eigenen, unverwechselbaren Stil und damit zum Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Mit der Form (überdehnte Figuren), der Oberfläche (zerrissen oder glatt) und mit der Farbe (Polyester schwarz oder weiß) erzählt der Künstler dem Betrachter seiner Werke etwas über seine eigene Philosophie, seine Religiosität und seine Emotionen. Es entstehen grazile Frauenplastiken, die an die Anmut und Zierlichkeit seiner Ehefrau Gitti erinnern, Kinder- und Mädchen-Skulpturen, die von fröhlicher Unbefangenheit und Verträumtheit erzählen, Tiere (wie die schwarzen Robben am Kinderbecken des Freibades in Gladbeck), die allein dem Spiel und Spaß dienen. Andererseits gestaltet Kappen Großfiguren von erschütternder Aussage. Sein Zentralthema wird der Welterlöser. Christus, der Gedemütigte, der Flehende, der Gebeugte. Passion, Geißelung, Domenkrönung und Tod am Kreuz. "Der Schmerzensmann, darauf hat er sich konzentriert", sagt Sohn Anno Kappen, und wirklich sind Gottfried Kappens ausdrucksstärkste Plastiken hier zu finden. "Ich kenne keinen Künstler, der dem leidenden Gottesknecht, wie Isaias ihn beschrieb, eine so erschütternde und zugleich tröstende Gestalt gab - in unübersehbar vielen Variationen", urteilt Pastor Günter Becker im Katalog zur Retrospektiv-Ausstellung Gottfried Kappen 1985, die das Museum der Stadt Gladbeck ausrichtete.

Wenngleich Gottfried Kappen durch den Kunststoff Polyester zur Höhe seines künstlerischen Schaffens gelangte, so verlor er dennoch nie seine enge Verbundenheit zur Natur, der er eine geradezu schwärmerische Verehrung entgegen brachte. "Er hatte immer ein Stückchen Natur auf seinem Tisch liegen, das er als Kunstwerk entdeckt hatte, und das er dem Besucher wie eine Kostbarkeit nahe brachte", erinnert Pastor Becker. "Da sah man dann mit seinen Augen das bewundernswerte, zarte und ebenmäßige Filigran-Geäst eines Blattes, auf das der Winter schon seine Hand gelegt hatte oder das wunderschöne Farbspiel einer kleinen Vogelfeder. Gottfried Kappen war ein Bewunderer der Natur - oft temperamentvoller als mancher Liebhaber - deshalb vermochte er die Natur in vielen Einzelzügen so verblüffend nachzubilden", so Pfarrer Becker.
Viele Werke der Bildhauerfamilie Stracke/Kappen sind erhalten geblieben. Sie sind über ganz Deutschland und vielleicht inzwischen manche im Ausland zu finden. Vollständige Werkverzeichnisse gibt es weder von Gottfried und Theodor Stracke und auch nicht Gottfried Kappen. Letzterer fand nie Zeit und Muße, solch ein Verzeichnis anzulegen. Ihm lag das künstlerische Schaffen mehr am Herzen. Nur einige Werke sollen hier genannt werden und stellvertretend für ungezählte andere einladen, nach Stracke- und Kappen Kunstwerken zu suchen, sie zu besuchen und hinzuschauen, was sie aussagen wollen und sagen können. Gottfried Kappen, so wissen es die noch lebenden Familienangehörigen und vielen Freunde, wollte, dass seine Werke den Betrachter provozieren, beeindrucken, begeistern und zum Nachdenken anregen. Man muss seine Kunst sehen und begreifen.


Wenngleich Gottfried Kappen durch den Kunststoff Polyester zur Höhe seines künstlerischen Schaffens gelangte, so verlor er dennoch nie seine enge Verbundenheit zur Natur, der er eine geradezu schwärmerische Verehrung entgegen brachte. "Er hatte immer ein Stückchen Natur auf seinem Tisch liegen, das er als Kunstwerk entdeckt hatte, und das er dem Besucher wie eine Kostbarkeit nahe brachte", erinnert Pastor Becker. "Da sah man dann mit seinen Augen das bewundernswerte, zarte und ebenmäßige Filigran-Geäst eines Blattes, auf das der Winter schon seine Hand gelegt hatte oder das wunderschöne Farbspiel einer kleinen Vogelfeder. Gottfried Kappen war ein Bewunderer der Natur - oft temperamentvoller als mancher Liebhaber - deshalb vermochte er die Natur in vielen Einzelzügen so verblüffend nachzubilden", so Pfarrer Becker.
Viele Werke der Bildhauerfamilie Stracke/Kappen sind erhalten geblieben. Sie sind über ganz Deutschland und vielleicht inzwischen manche im Ausland zu finden. Vollständige Werkverzeichnisse gibt es weder von Gottfried und Theodor Stracke und auch nicht Gottfried Kappen. Letzterer fand nie Zeit und Muße, solch ein Verzeichnis anzulegen. Ihm lag das künstlerische Schaffen mehr am Herzen. Nur einige Werke sollen hier genannt werden und stellvertretend für ungezählte andere einladen, nach Stracke- und Kappen Kunstwerken zu suchen, sie zu besuchen und hinzuschauen, was sie aussagen wollen und sagen können. Gottfried Kappen, so wissen es die noch lebenden Familienangehörigen und vielen Freunde, wollte, dass seine Werke den Betrachter provozieren, beeindrucken, begeistern und zum Nachdenken anregen. Man muss seine Kunst sehen und begreifen.


Für die Kapelle des SI. Barbara-Krankenhauses schuf Gottfried Kappen die vier Evangelisten. Sehenswert diese beeindruckende frühe bildhauerische Arbeit in Marmor, urteilt Agnes Kappen. Im Blumengang begegnet man einem ebenso frühen Werk, 1955 entstanden. Eine Intarsie "Franziskus predigt den Tieren". Das Motiv hat die "Vogelpredigt" zum Inhalt. Der Heilige spricht zu Kiebitz, Raubvogel und Fasan. Möwen, Wildtauben und Schwalben fliegen hinzu. Die Aussage des Künstlers: "Alles, was Odem hat", ist im Aufbruch "den Herrn zu loben". Kappen arbeitete hier mit dem gleichen Material, aus dem Künstler des Barocks "marmorne" Stuckarbeiten gestalteten: Gefärbter Gips.

 



Ein Kappen-Wegweiser aus Beton steht an der Bohmertstraße/ Ecke Essener Straße. Er zeigt den Weg nach Haus Wittringen und zu den nahen Sportstätten und trägt ein entsprechendes Sgraffito. 1949 hat Gottfried Kappen eine Außenwand der nach Bombenzerstörung wieder aufgebauten Käthe-Kollwitz Schule mit zwei Sgraffiti geschmückt. Das erste Motiv, ein Junge und ein Mädchen pflanzen einen Baum. Das zweite, beide ernten die Früchte. Dominikus Stein, der in den ersten Jahren nach Kriegsende mit vielen Künstlern, die Kunst am Bau schufen, zusammen gearbeitet hatte, erinnerte sich, wie sehr Kappen sich bemüht habe, mit geringem Aufwand gute, wirkungsvolle Kunst zu schaffen. Zu dieser Zeit, so begründete der Künstler selbst gegenüber der Chronistin, war die Stadt arm, man musste bezahlbares Material für Kunstwerke wählen. Da habe sich Sgraffito angeboten. Doch auch ein Töpfchen Sgraffito Farbe hätte man damals wie einen Schatz hüten müssen.

Eine Mädchenplastik aus Sandstein, ein frühes Werk Kappens, steht im Riesener-Gymnasium, beeindruckend durch besondere Schlichtheit. Der Kopf leicht geneigt und wie der ganze Körper in ein Tuch gehüllt. Das flächige Gesicht mit breiter Nase, fragenden Augen und der Spur eines Lächelns. Sgraffito Wandschmuck gestaltete der Künstler 1951 im Gebäude der Schule am Rosenhügel. Historische Motive in farbigen Wandgemälden. Sie zeigen ägyptische, altgriechische und germanische Handwerker in ihren Berufstrachten: Kupferschmied, Steinmetz, Töpfer. Büttner, Bergmann, Zimmermann, Bierbrauer und Weberin.


Auf den Friedhöfen Gladbecks sind viele Grabmale, die Gottfried Kappen gestaltete, zu finden. Hier seien nur wenige genannt: 1949 entstanden aus sprödem Ruhrsandstein gehauen, die Figuren der heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, und ein Knappe, der ihr kniend seine Grubenlampe empor reicht. Struktur des Lichtes, Faltenwurf im Gewand der Heiligen und Details des Bergmannkleides sind sensibel herausgearbeitet. Das Grabmal erinnert an ein Grubenunglück, bei dem sechs Bergleute starben, als ein Bruch im Flöz Gretchen auf der Schachtanlage Moltke sie verschüttet hatte. (Siehe Bericht in „Gladbeck unsere Stadt“, Heft 2002/2) Nicht weit davon entfernt befindet sich das Grabmal der Familie Schulte-Pelkum, 1945 aus Ruhrsandstein gestaltet mit für Kappen typisch schlanken überdehnten Figuren in einer Kreuzigungsgruppe: Christus, Maria und der Lieblingsjünger Johannes.

1970, als das Grabmal für die Familie Söthe gestaltet wurde, bevorzugte der Künstler Polyester. Weiß die Christusfigur, die Arme zum Himmel weisend, Hinweis auf die Auferstehung. Aus schwarzem Polyester ist das 1979 entstandene Grabmal der Familie Helmuth Werneke. Schlanke, leidvolle Menschen drängen sich um den Erlöser. Ein Bibelwort liegt dem Motiv zu Grunde: "Ich sage dir, steh auf." Das Grabmal der Familie Hilbig zeigt ein typisches Kappen Kreuz aus Polyester, bei dem der Längsbalken unter dem Querbalken endet. Der überschlanke Korpus spiegelt Qual und Pein.

Die Christus-Doppelplastik des Schmerzensmannes auf dem Friedhof in Feldhausen ist ein janusköpfiges Mahnmal, das Gottfried Kappen in den sechziger Jahren schuf. Es beeindruckt durch die ungewöhnliche Darstellung zweier Einzelfiguren in einer Skulptur: Nach Osten gewandt die dunkle Christusfigur. Schwarz der Körper des im Schmerz gebeugten Christus. Die Schlankheit der Gestalt vermittelt: Dennoch erhöht im Leid. Der Spottmantel rissig rau in der Oberfläche. Alles spricht von Trauer und mahnt zur Besinnung. Eine Betonwand als trennendes und gleichzeitig verbindendes Element. Rückwärts die lichte weiße Gestalt des Auferstandenen. Schwebend und verheißend, Hoffnung und Glaube ausstrahlend. (Siehe „Gladbeck unsere Stadt“, Heft 2001/2) Dr. Egon Börsch weiß, dass sein Freund Kappen einer alten Frau selbst das ihr fremdartige Mahnmal erklärte habe. "...und die Löcher in seinem Mantel, dat sind usse Sünden", habe sie versöhnt am Ende des Gesprächs gemeint.

Verträumt und gelöst die Schaukelnde vor der Kirche in Feldhausen. Spiegelnd glatt die Oberfläche, überzogen schlank die Figur, unbeschwerte Fröhlichkeit vermittelnd. Beschwingte Kunst am Wanderweg in die Natur, die der Künstler so sehr liebte.


Ein Histörchen liegt dem Relief des "Paragraphen-Pantoffel" im Schlussstein zum Portal der Gaststätte an der Ecke Hoch-/ Horster Straße zugrunde: Besitzer Gastwirt Paul Surmann war vor Gericht geladen worden und nicht zeitig genug aus den Federn gekommen. Er hatte es nicht gehört, als die Ehefrau ihm sorgenvoll nachgerufen hatte, er habe vergessen, Schuhe anzuziehen. Dass der Pohlbürger vor Gericht in Pantoffeln erschienen war, hatte das Gericht "in seiner Würde verletzt". Stammgast Kappen schnitzte die Episode in Ruhrsandstein. Es belustigte fortan die Gäste und selbst den Pantoffelhelden.

Im Hof des Katholischen Stadthauses in Oberhausen befindet sich ein Relief in Eisen geschnitten. Johannes mit dem Rebhuhn. Auch hier nicht glatt, sondern aufgerissen rau: Der Evangelist Johannes als alter Mann, mit den Blessuren eines leidvollen Lebens in der Nachfolge Christi. Bei Kappens Werken sollte man genauer hinschauen, die erzählen mehr als das, was bei kurzem Blick erkennbar wird.

Ein "Schmerzensmann", möglicherweise der erste, den Kappen in Polyester gestaltet hat, befindet sich im bischöflichen Generalvikariat in Essen. Ein Kreuzweg Kappens ist in Dülmen zu finden. Für die St. Elisabeth-Kirche in Bottrop auf der Eichenstraße gestaltete Kappen 1953 einen Giebel. Der Künstler schnitt die Motive in den noch weichen Beton. Die Herz-Jesu- Kirche in Sterkrade schmückt eine Pieta in Polyester. Ein farbiges Relief aus Palatalplatten, schmückt eine Wand in einer Vorhalle von BASF in Stuttgart, ein weiteres Relief befindet sich in einer Bank in Wolfsburg.


Kunstwerke von Urgroßvater Gottfried Stracke und Großvater Theodor Stracke.
Im zweiten Weltkrieg wurden viele Kunstwerke der Stracke-Bildhauer zerstört. Vom noch Vorhandenen berichtet Ursula Rüter in "Unser Bocholt". In Rees in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt ist eine "Madonna mit der Traube" zu finden, eine 1840 geschaffene spätklassizistische Skulptur aus Carrara-Marmor. Die herausragende künstlerische Qualität sei deutlich zu erkennen, die Ähnlichkeit des Stils mit Werken von Michelangelo könne mit dem klassizistischen Einfluss des Christian D. Rauch auf seinen Schüler Gottfried Stracke erklärt werden, zitiert Rüter aus den Chroniken. In der St. Georg-Kirche in Bocholt befinden sich die Statuen der vier Musiker Ambrosius, König David, Caecilia und Papst Gregor, die Gottfried Stracke zugeschrieben werden.

Von Theodor Stracke sind neugotische Skulpturen vorhanden. Zwei von ursprünglich vier Propheten-Skulpturen des Hauptportals stehen heute im nördlichen Eingang der Kirche und im Stadtmuseum. Von Theodor Stracke gibt es einen Bildstock aus dem Jahr 1897 in Biemenhorst: Eine 1,6 m große Madonna steht auf dem Markplatz in Rhede, eine ähnliche in Vardingholt. Auf dem Landsitz "De Hemmelhorst" bei Borne/Twente in den Niederlanden steht eine Statue des heiligen Bernhard von Clairvaux von Theodor Stracke aus dem Jahr 1874; in der St. Antonius-Kirche in Loikum bei Bocholt drei große geschnitzte Holzfiguren sowie ein Kreuzweg. Drei neogotische Standbilder, die letzte Auftragsarbeit Theodor Strackes, schmücken das Äußere der gotischen St. Joseph-Kirche in Bocholt. In der St. Bonifatius-Kirche in Lorchhausen am Rhein sind nahezu alle Altäre und Bildwerke von Theodor Stracke. Er schuf sie in Jahren 1878 bis 1884. In der Festschrift zum 450jährigen Bestehen der Pfarrei Lorchhausen liest man darüber: ,,Viele Besucher, die zum ersten Mal den Innenraum der St. Bonifatius-Kirche von Lorchhausen betreten, sind überrascht von der Schönheit, Geschlossenheit und Harmonie. So wie sich die Kirche außen in einem reinen neugotischen Stil präsentiert, steht auch ihre Inneneinrichtung ganz im Einklang mit dieser Stilepoche."



Der Aufsatz erschien in der Zeitschrift „Gladbeck unsere Stadt“, Heft 2004/2