Ein fast vergessenes Mahnmal


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Der Ort der Gedenkstätte

Von der B 224 in Gladbeck zweigt die Bohmertstraße in westlicher Richtung ab und führt mitten durch den Wittringer Wald. Sie ist für Kraftfahrzeuge gesperrt und alleine den Radfahrern und Fußgängern vorbehalten.
Nach ziemlich genau einem Kilometer ist auf der linken Seite eine Wiese, auf der unter anderem ein Gedenkstein, ein Ginkgo-Baum und sieben Säuleneichen stehen. Sie bilden als Ensemble die Gedenkstätte für verstorbene Drogenabhängige, ein fast vergessenes Mahnmal.

Übersicht mit Lage der Gedenkstätte
ein fast vergessenes Mahnmal
Lage der Gedenkstätte im Wittringer Wald
fast vergessenes mahnmal
Wiese mit dem Gedenkstein, links der Ginkgo-Baum, im Hintergrund die Säuleneichen (Foto: Verein für Orts- und Heimatkunde e.V. Gladbeck)

Der Gedenkstein ist klein und leicht zu übersehen. Daher ist man am Mahnmal schnell vorbei geradelt oder gejoggt. Auf dem verwitterten Stein ist die Inschrift „Zum Gedenken verstorbener Drogenabhängiger“ zu lesen.

ein fast vergessenes Mahnmal
Gedenkstein an der Bohmertstraße (Foto: Verein für Orts- und Heimatkunde e.V. Gladbeck)

Die Geschichte des Mahnmals

Am 21. Juli 1994 starb Ingo Marten in Essen-Altenessen unter ungeklärten Umständen an Drogen. Erst drei Tage nach seinem Tod wurde er in einem Gebüsch in der Nähe eines Essener Obdachlosenheims gefunden.

Am 21. Juli 1995, genau ein Jahr nach seinem Todestag, hielten seine Mutter Karin Stumpf und weitere 14 Personen eine Mahnwache, machten auf die Drogenproblematik aufmerksam und forderten deren Bekämpfung. Künftig sollte die Mahnwache an jedem 21. Juli stattfinden.

Karin Stumpf
Karin Stumpf (vorne) bei einer Mahnwache (Foto: privat)

Karin Stumpf hatte sich bereits kurz nach dem Tod ihres Sohnes für die Errichtung einer Gedenkstätte für verstorbene Drogenabhängige in Gladbeck eingesetzt. Als Vorsitzende der hier ansässigen Selbsthilfegruppe für Eltern und Angehörige verstorbener Drogenabhängiger war sie mit Informationsständen und Flugblättern an die Öffentlichkeit gegangen, um gleichzeitig um Spenden zu bitten.

Karin Stumpf
Karin Stumpf am Grab ihres Sohnes Ingo (Foto: privat)

Im Laufe des Jahres 1995 spendeten das Quarzwerk Dorsten einen Findling und verschiedene Baumschulen insgesamt sieben Säuleneichen, die die Selbsthilfegruppe mit Unterstützung der Stadt Gladbeck auf der Wiese einpflanzte.

Der Stein und die sieben Säuleneichen bilden zusammen die Gedenkstätte für Drogentote, die am 14. Dezember 1995 in Gladbeck eingeweiht wurde. Für die Einweihung besorgten die Mitglieder der Gladbecker Gruppe auch einen Ginkgo-Baum und pflanzten ihn selbst neben den Stein.

In den folgenden Jahren fanden am 21. Juli Mahnwachen an der Gedenkstätte im Wittringer Wald statt. 1997 war darüber zu lesen:

Die Gladbecker Initiative „Eltern und Angehörige verstorbener Drogenabhängiger“ hatte die Mahnwache organisiert. Die Mitglieder hoffen, den Gladbecker Gedenkstein jährlich zu einem bundesweiten Treffpunkt machen zu können und damit ihren Forderungen mehr Stimmen zu geben.

Ruhr Nachrichten vom 22.07.1997

Die Geschichte des nationalen Gedenktages

Jürgen Heimchen, Mitbegründer des Bundesverbandes der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e.V., war 1995 von der Einweihung des Gedenksteins in Gladbeck beflügelt. Sein Sohn Thorsten, wie Ingo Marten drogenabhängig, war 1992 mit nur 21 Jahren nach einem Selbstmordversuch im Polizeigewahrsam gestorben. Jürgen Heimchen hatte die Idee, den Todestag von Ingo Marten zu einem nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige zu erklären und ihn jährlich am 21. Juli zu begehen.
Aber konnte man tatsächlich einfach so einen bundesweiten Gedenktag ausrufen?, fragten einige seiner Mitstreiter skeptisch. „Können wir“, war sich Heimchen seinerzeit sicher – und er sollte recht behalten.

Jürgen Heimchen
Jürgen Heimchen (Foto: privat)

Am 21. Juli 1998 gab es auf Initiative von Karin Stumpf wieder eine Mahnwache an der Gedenkstätte. Anwesend waren unter anderem auch Jürgen Heimchen, Pressesprecher und Margot Hartmann, stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit.

Ein nationaler Gedenktag soll der 21. Juli sein, erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Verbandes, Margot Hartmann.

Ruhr Nachrichten vom 22.07.1998

Der Gedenktag heute

Heute ist der Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige in allen offiziellen Kalenderlisten aufgeführt und wird national und international begangen.

In den letzten Jahren fanden Veranstaltungen in weit mehr als 60 Städten statt. Durch die Beteiligung von ca. 150 Organisationen und Initiativen in Deutschland hat sich der Gedenktag am 21. Juli zum größten bundesweiten Aktions-, Trauer- und Präventionstag im Bereich illegalisierter Drogen entwickelt. Auch international finden inzwischen zahlreiche Aktionen am 21. Juli statt, 2014 z.B. in Spanien, Dänemark, den Niederlanden, Großbritannien, Kanada, Australien oder Schweden.
Aus einem Flyer des Bundesverbandes der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e. V. und JES ((Junkies, Ehemalige und Substituierte) Bundesverband e.V. zum 21. Juli 2022.

Die Gedenkstätte in Gladbeck heute

Das Mahnmal ist bei den Gladbeckern fast so schnell in Vergessenheit geraten, wie es geschaffen wurde. Karin Stumpf hat nach dem Tod ihres Sohnes Ingo Marten am 21. Juli 1994 keine 18 Monate gebraucht, um eine Gedenkstätte im Wittringer Wald einzurichten. Sie überzeugte die Stadtverwaltung, das Grundstück zur Verfügung zu stellen und organisierte einen Gedenkstein, sieben Säuleneichen und einen Ginkgo-Baum. Die Einweihung des Mahnmals fand am 14. Dezember 1995 statt.

Ihr Einsatz beeindruckte ihre Mitstreiter so sehr, dass der Landesverband der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit in NRW beschloss, den Todestag ihres Sohnes zum nationalen Gedenktag zu erklären und verkündete dies öffentlich bei der Gedenkveranstaltung am 21. Juli 1998 in Gladbeck.

Anfang der 2000`er Jahre fand am Gedenkstein in Wittringen die letzte Mahnwache der Gladbecker Initiative Eltern und Angehörige verstorbener Drogenabhängiger mit der Vorsitzenden Karin Stumpf statt. Sie war schwer erkrankt und konnte die Initiative nur noch eingeschränkt fortführen. 2004 wurde sie für ihr Engagement mit der Ehrenplakette der Stadt Gladbeck ausgezeichnet.
Karin Stumpf verstarb am 31. Mai 2022.

Karin Stumpf
Karin Stumpf (Foto: privat)

Die Gedenkstätte im Wittringer Wald wird auf der Internetseite der Stadt Gladbeck nicht erwähnt, Mahnwachen werden von Gladbeckern nicht mehr organisiert. Gelegentlich gibt es auswärtige Besucher, die am Mahnmal im Wittringer Wald den nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige begehen.

Zuletzt war dies am 21. Juli 2022:

Besuch im Wittringer Wald
Mitarbeitende und Besucher*innen der Drogenberatung KontaktCentrum Gelsenkirchen besuchten und säuberten am 21.7. den Gedenkstein für verstorbene Drogengebraucher*innen im Wittringer Wald in Gladbeck. Hier begann im Jahre 1998 die Geschichte des Gedenktages, der sich inzwischen zu einer internationalen Bewegung ausgeweitet hat.
Klienten und Mitarbeiter*innen machten sich am Morgen auf den Weg, um den Gedenkstein von Gestrüpp und Schmutz, der dazu geführt hat, dass dieser recht unansehnlich aussah, zu befreien. Ferner ging es darum der Öffentlichkeit und allen Beteiligten, den Ursprung des Gedenktages ins Gedächtnis zu rufen.

https://www.gedenktag21juli.de/vor-ort-2021/gelsenkirchen/

Auch gibt es Anfragen aus dem In- und Ausland nach dem Mahnmal. Vielen ist bekannt, dass es in Gladbeck einen Gedenkstein gibt und sie möchten mehr darüber erfahren. So schrieb am 28. Juli 2022 Frau Angelika Brudniak von der Suchthilfe Wien:

Aus aktuellem Anlass wurde in der letzten Woche viel in den Medien über den 21. Juli gesprochen, den internationalen Gedenktag für Drogentote. In diesem Zusammenhang habe ich gelesen, dass das erste Mahnmal Deutschlands für Drogentote in Gladbeck errichtet wurde. Es war dies, soviel ich weiß, eine Initiative der Mutter eines verstorbenen Jungen (Ingo Marten), die Stadt Gladbeck hat die trauernde Mutter unterstützt und den Gedenkstein ermöglicht.
Dies ist circa 25 Jahre her.
Auf Ihrer schönen, ausführlichen und liebevoll gestalteten Webseite findet man vieles über die versteckten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Es wäre toll, wenn Sie dieses Denkmal auch auf Ihrer Seite porträtieren würden, denn ich habe im ganzen Internet kein richtiges Foto vom geschichtlich bedeutsamen Denkmal gefunden.

Mail vom 28. Juli 2022 der Suchthilfe Wien an den Verein für Orts- und Heimatkunde Gladbeck

Die Mail war der Auslöser für die Erstellung dieses Beitrags.

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